Ich habe der EM nun endgültig abgeschworen. Erst fliegt Österreich mit einem Punkt aus den Gruppenspielen, dann verliert Kroatien im Viertelfinale, dann fliegen die Franzosen und gestern durften die Italiener Koffer packen. Kein „Forza Italia“ mehr, sondern viel eher: Sdrasstwutje Russija und viel Spaß beim nächsten Spiel. Ob das die geheimen Stars der EM werden?
Und, liebe Leser, ich habe mich sehr bemüht das „Sdrasswutje“ (ist übersetzt ein Gruß an mehrer Personen oder jemand den man siezt) so zu schreiben, wie es annähernd ausgesprochen wird. Also bemühen Sie sich ein bisschen, es geht ganz einfach. Sprechen Sie mir nach: Sdrasswutje! Na bitte, geht doch. Spassiba für die Mühe!
Achso, eins noch: Küss die Hand liebe EM! Ich find dich Scheisse. Mal abgesehen von all diesen unerwarteten Wendungen, rausgeschmissenen Favoriten und gehirnamputierten Auflagen der UEFA: Wer nach Österreich kommt hat gefälligst österreichisches Bier zu ehren, zu respektieren und folglich auch zu promoten und nicht irgendso ein Spackobier ausnahmslos (!) in den Fanzonen verkaufen zu lassen, nur weil der Hersteller ein paar Milliönchen an Sponsorengeldern springen hat lassen. Da fangt´s schon mal an! Die Österreicher sind aber dermaßen auf ihr eigenes Bier eingeschworen, dass das 16er Blech (Ottakringer, Anm. d. Verf.) außerhalb der Fanzonen mit einer Selbstverständlichkeit und Inbrunst gesoffen wurde, dass mir als Wiener Göre regelrecht das Herz aufging.
mirno_more - 23. Jun, 21:13
Während dieser ganzen EM Hysterie habe ich nicht so viele Kroaten in Wien gesehen, wie heute. Das Spiel Türkei:Kroatien erwarte ich in (noch) euphorischer Stimmung verschanzt in meinen eigenen vier Wänden. Zum einen, weil wieder mal keiner mitgehen wollte (die Ausreden reichten von: "da ist mir zuviel los" bis hin zu "ich hab Angst, dass bei DIESEM Match alles eskaliert") und zum anderen, weil ich es verdrängt habe, dass die Strandbar, wo das Spiel übertragen wird schon rappelvoll ist, wenn meine Wenigkeit dort hin galoppiert.
Aber: was sich jetzt schon auf den Straßen abspielt ist nicht von schlechten Eltern. Da kommen Autos aus Zagreb und Pula (was eine vergleichsweise kurze Strecke ist), aber ich sichtete auch Kennzeichen aus Dubrovnik, Split und Makarska (zwischen 10 - 15 Stunden Anfahrtszeit).
Rein objektiv betrachtet führen die Kroaten mit ihren Fanaufkommen momentan gegen die Türken. Was sich natürlich alles noch ändern kann. Das Ergebnis ist jedoch in jedem Fall das Selbe: egal wie es ausgeht, heute kochen die Mentalitäten, brechen die ohnehin schon temperamentvollen Gemüter aus, werden Gläser bersten (bei den Siegern) und der Alkohol in Massen strömen.
Alles in allem lässt sich sagen: Wien ist derzeit Kroatien und mein Heimweh wurde zumindest für einen temporären Zeitraum befriedigt. Komme ich nicht nach Kroatien, kommt Kroatien eben zu mir. Und die Frage für wen ich mir die Seele aus dem Hals brüllen werde ist somit auch beantwortet.
mirno_more - 20. Jun, 17:44
Mann, was für´n Tag. Auf der Fahrt frühmorgens in die Firma waren die Straßen wieder voll mit Eseln, die irgendwann irgendwo einen Führerschein gefunden haben. Auf der Fahrt von der Firma nach Hause dafür gähnende Leere. Was soviel heißt, dass mein Blutdruck heute um 50% weniger in die Höhe ging als an normalen Tagen. Naja, die Kackbratze mit dem BN Kennzeichen hätte es beinahe geschafft, dass ich mir vor lauter Zorn büschelweise die Haare ausreiße. Ich war gerade noch so geistesgegenwärtig mir zu überlegen, was das für meine Zukunft als bis dato unentdecktes Frisuren-Model bedeuten könnte und ließ es sein. Man kann ja nie wissen. Vielleicht kommt morgen schon ein begnadeter Star-Figaro um die Ecke und will mich für seine neuesten Frisuren-Ideen ablichten lassen. Ob er dann verzweifelt an meinen Locken und danach beginnt sich selbst die Haare auszureißen?
Egal. Der Grund für eine von Aggressionen befreite Heimfahrt war die EM. Österreich gegen Deutschland. Schon zu Mittag fluteten unsere Nachbarn die Wiener Innenstadt. Die SMS eines Freundes, der im 1. Bezirk arbeitet lautete im Originalton: War gerade Essen kaufen. Nur Schwarz-Rot-Gold auf den Straßen. DIE DEUTSCHEN KOMMEN!
Mein Plan für heute lautete ursprünglich: Nach der Arbeit nach Hause, essen, herrichten, Fanmeile gehen. Ich dachte, wenn ich um 19 Uhr den Ring betrete, gehe ich frei und kess durch den Eingang direkt zum anvisierten Treffpunkt. Falsch gedacht. Ich verließ zwar frei und kess das Haus, kehrte aber nach wenigen Metern wieder um, weil mich die SMS erreichte, dass die Eingänge schon zu sind. Ja leck mich doch am Arsch.
Selbstverständlich hätte ich es darauf ankommen lassen können und mich durch Einsatz meines Charmes, meiner Überredungskunst und meiner fabelhaften Fashionista-Ausstrahlung bei den Securities noch rein mogeln können.
Ich überlegte es mir dann aber anders, weil ich nicht sonderlich erpicht darauf bin im Falle eines Sieges für Deutschland zu Tode getrampelt zu werden. Zumal die Stimmung ja ohnehin schon am Kochen ist. Die Bild Zeitung (welch intellektuelles Blatt, ich wieder mal zur Untermauerung meiner Theorien heranziehe) titelte: Auf Wienersehen. Ihr Ösi-Würstchen. Das österreichische Schund-Pendant zur Bild lässt sich natürlich auf die selbe Stufe herab und labert irgendwas davon, wie wir es den Piefkes zeigen werden. Ich frage mich, wie sich mein Vater (Halb Deutscher, halb Österreicher) wohl gerade fühlt. Als Würstchen oder als Piefke? Muss ihn dazu morgen beim Kaffee interviewen. Er bekommt dann wahlweise ein wenig Senf auf´s Haupt oder ein „Ich bin der König von Mallorca“ T-Shirt überreicht.
Wir haben übrigens gerade 21:35 und es steht noch immer 0:0.
Also während sich die Revolverblätter beider Länder beschimpfen, haben natürlich auch die jeweiligen Promis etwas zu sagen. Da entschuldigt sich schon mal der eine Deutschland-Promi bei den Österreichern, dass sie alle Tore kassieren werden und der österreichischer Oberprolo spuckt ins Mikro „Mia werdn´s dena Piefke scho zeign! De brauchen se goar nix eiibüüdn.“
Meine Güte, wo bin ich hier? Geht´s noch? Ich erwarte, egal wie das Match ausgeht, dass sich auf den Fanmeilen Exzesse abspielen werden. Da werden dicke österreichische und dicke deutsche Bierbäuche aufeinander prallen, Zähne ausgeschlagen, Fäuste fliegen, Gehirnzellen auf Nimmerwiedersehen den Bach runter gespült, Fahnen geschwenkt, geheult, geschrien und irgendwo mittendrin, unbeachtet von dem Rest singt jemand „Ich bin der König von Mallorca“.
21:51 und Ballack versenkt den Ball. Wo? Na im österreichischen Tor! Ach Scheisse, ich krieg gleich einen ganz dicken Anfall.
Oh, es gibt Grund zur Freude. Meinem multi-nationalen Hintergrund sei Dank, ich darf mich für die Kroaten freuen. Gut, ich könnte mich natürlich auch für Deutschland freuen, aber ich glaube ich tendiere mehr zum Würstchen. Aber vielleicht ist ja mein Vater vor ein paar Minuten von seinem Sessel gesprungen und hat sich Bier über den Kopf gegossen vor lauter Freude.
Die Kamera schwenkte soeben zu einem vor Wut kochenden Hickersberger, der von seiner Trainer-Bude auf die Tribüne verwiesen wurde. Hatte wohl auch einen dicken Anfall, der Gute.
Ich fürchte, ich kann mir dieses Trauerspiel nicht mehr lange ansehen. Die Grille, die bis vor kurzem noch an meinem Fenster saß wohl auch nicht mehr. Sie zirpte mir die letzten Minuten lang ins Ohr, bis sie gesehen hat wie Österreich den Ball mehrere tausend Kilometer über das deutsche Tor geschossen hat. Danach waren die Grille und ihr Zirpen verschwunden. Ich mein geht´s noch? Ich bin kein Fußballspieler und kenne mich mit Abseits und dem ganzen Dreck nicht aus, aber ich weiß noch so viel um einschätzen zu können, dass das Tor nicht die Ausmaße von Brasilien hat. Vielleicht sollte die Mannschaft erst mal zum Tischfußball zurück kehren, bevor man sie das nächste Mal auf den Rasen lässt.
Was tun jetzt eigentlich all die Leute, die sich vor diesem Match noch eifrig „Wien wird Cordoba“ Shirts gekauft haben? Mein mitleidiger Blick wendet sich dabei in die Richtung einer jungen sympathischen Gruppe, die Tage vor dem Spiel genau solche T-Shirts erwarb. Meine Güte, sie sahen doch so glücklich und stolz aus. Was geht in diesen kleinen Herzen nun vor? Sind sie gebrochen? Was steht nun an Stelle von Hoffnung, Euphorie und Tatendrang? Kummer, Wut und Hass? Ich mache mir da mal keine Sorgen, zumal die Herrschaften das ultimative Heilmittel haben: Bier.
Kann bitte jemand Pogatez in die Dusche schicken und stattdessen den dicken bärtigen Mann mit dem überdimensionalen Österreich-Hut rein holen? Der scheint mir momentan zurechnungsfähiger.
Minute 75, es steht noch immer 0:1 für Deutschland. Und auch noch immer 1:0 für Kroatien. Mmmh Stipe Pletikosa, der kroatische Torhüter. Fleischgewordener Traum meiner schlaflosen Nächte. Ich finde leider keinen Sender, der mir dieses Spiel überträgt. Hätte ich wenigstens was für die Augen UND für die Nerven. Die Kroaten spielen nämlich gerade gemütlich „Balli schupfen“ was mir der Live Stream so zeigt. Ja, die haben die Ruhe weg. Denen ist das alles schon egal. Im Viertelfinale sind sie ja sowieso, warum sollte man sich dann gegen Polen noch anstrengen? Würde ich auch nicht machen. Zu diesen meditativen Bildern fehlt gerade noch, dass die Kroaten sich mal schön einen Kaffee auf der Mittellinie aufbrühen und dann gemächlich mit der Tasse in der Hand über den Rasen trippeln.
Der Moderator auf ORF1 faselt hingegen die ganze Zeit was von Wundern. Was glaubt denn der? Bin versucht beim ORF anzurufen um dem Hirni klar zu machen, dass es weder den Weihnachtsmann noch irgendein beschissenes Cordoba-Wunder gibt. Ich glaube nur noch an Nikotin und Stipe Pletikosa. So soll es sein.
Ach so. Das Spiel ist aus, Deutschland hat gewonnen (Kroatien auch und zwar 1:0), der Moderator sucht nach Ausreden für uns á la „War nicht irgendein Gegner“ und gehirnvergewaltigt mich mit Aussagen wie „Die Ösis waren keine Dösis“. Meine Güte...hängt ihn höher!
Meine Damen und Herren, das war Frau Goodkat für Sie live von ihrer Wohnzimmer-Couch, extra herausgeputzt für heute hat sie in ihrer gammeligsten Gammelhose kommentiert. Es war ein tragischer Abend für uns, den Gastgeber der EM. Wir haben gelernt: Wien ist nicht Cordoba und Wunder gibt´s nach wie vor nur im Märchen. Ich grüße alle die mich kennen und besonders diejenigen, die traurig an ihren „Wien wird Cordoba“ Shirts hinunter schauen. Macht euch nix draus, dass Geld ist nicht vergeudet! Dass sind immer noch prima Schlafi-Shirts! Küss die Hand!
mirno_more - 16. Jun, 22:51