SCHMERZ AND THE CITY
Als ich eines Tages in M´s Wohnung zitiert wurde und nach fünf Stockwerken peinvollem Stiegensteigen oben angekommen war, bot die sonst so liebevoll von Putzfrauenhand gepflegte Wohnung ein Bild der Verwüstung. Überall standen Kisten an denen man nicht erkennen konnte, ob sie gerade eingepackt oder ausgepackt wurden. Bilder und Bücher lagen verstreut in der Gegend, Kleidung am Boden, Essensreste und leere Weinflaschen auf der Kommode. Spontan dachte ich daran, dass er flüchten will.
"Ich helfe dir nicht, eine Leiche zu vergraben. Sogar ich habe so etwas wie Moral und Anstand." machte ich ihm gleich zur Begrüßung klar.
"Leichen! Genau darum geht es hier! Liebesleichen! In 32 Lebensjahren haben sich derartig viele Überbleibsel von Ex-Beziehungen hier angesammelt, die müssen alle weg."
Ach, es ging ihm also darum die Wohnung zu entrümpeln! Fraglich war nur, was davon noch übrig bleibt, wenn wir damit fertig sind. M. und ich öffneten also eine neue Flasche Wein und machten uns an die Arbeit. Fein säuberlich zerstückelten wir die leblosen Beziehungsleichenteile, steckten sie in schwarze Säcke und warfen sie weg. Nachdem alle Müllsäcke im Containerraum verstaut waren, sagte M. ganz deprimiert: "So viele Versuche und genau so oft gescheitert. Woran liegt´s? Bin ich nicht lustig genug? Nicht intelligent genug? Die haben alle mich verlassen. Ich war nie die treibende Kraft."
“Ach bitte, wenn du eines nicht tun sollst, dann dich nie, niemals an den Standards von anderen Leuten zu messen. Du würdest immer verlieren.“
„Aber ich fühle mich auf einmal so einsam.“
Einsam? Ich stand doch direkt neben ihm! Wieso fühlte er sich so einsam? Ich fühlte mich mit einem Mal total fehl am Platz, weil meine Anwesenheit ihm in seiner Trauerphase nicht genügte. Ich war an diesem Abend „nur“ die beste Freundin. Vorwurf konnte ich ihm daraus keinen machen, denn dieses Gefühl schleicht sich manchmal auch in mein Leben und mit einem Mal waren wir gemeinsam einsam. Eine bleierne Schwere lag in der Luft. Wir sahen stumm und teilnahmslos in den Fernseher, rauchten gelangweilt vor uns hin, tranken traurig in uns hinein.
Ich wusste, dass ihm zum Heulen zumute war, aber da er ähnlich gestrickt ist wie ich, behält er seine Tränen für sich, bis ihn niemand mehr sieht. Und genau in diesem Moment, wenn er ganz alleine ist, wünscht er sich, dass er doch fünf Minuten früher zu weinen begonnen hätte, als noch jemand da war, der ihn in den Arm nimmt, über den Kopf streichelt und ihm beruhigende, nette Worte sagt. Aber weder er noch ich machen unsere Trauer öffentlich. Das können wir nicht, weil wir so bemüht sind unsere eigene Verletzlichkeit so gut es geht zu kaschieren. In den seltensten Fällen, wenn die Tränen schon in den Augen stehen, kullern sie vor anderen Leuten über unsere Wangen. Dann schämen wir uns und vergraben sofort unser Gesicht.
An diesem Abend konnte M. aber nichts mehr zurück halten. „Ich will mich nicht so einsam fühlen“ quietschte er noch und dann ging die Heulerei los. Ich ließ ihn heulen, sich bemitleiden und wieder heulen. Ich war selbst unfähig irgendetwas zu sagen, weil mir selbst schon die Tränen aufstiegen. Als er sich wieder halbwegs beruhigt hatte, sagte er: „Lass mich heute bitte nicht alleine schlafen.“
Brauchen wir das von Zeit zu Zeit? Diesen aufkeimenden Weltschmerz, sich unverstanden, ungeliebt und alleine zu fühlen? Sind wir undankbare Wesen, die ihre Familie und Freunde nicht schätzen, weil unsere Liebschaften uns derart aus dem Gleichgewicht bringen können? Sind Herzen wirklich nur dazu da, um gebrochen zu werden? Ich begreif es nicht. Es gibt da diesen Moment in manchen Beziehungen, da sieht man den anderen an und stellt fest, dass irgendwas sein Gleichgewicht stört. Meistens befürchtet man, dass der Grund dafür man selbst ist.
Ich verliebe mich gerne. Ist sowas wie ein Hobby von mir. Und ohne diese Seelenpein, die einen sofort ereilt, wenn etwas vorbei ist, wäre ich wahrscheinlich nur ein halber Mensch. Wirklich. Irgendwie macht dass Spaß, wenn man in der Therapiestunde da hockt und endlich mal wieder einen Grund hat um von seinen wirklichen Problemen abzulenken. Man hat Angst, sein Leben von Grund auf total verkorkst zu haben, da liegt es nahe sich mit Liebe(skummer) zu beschäftigen. Um nicht ganz alleine mit seinem Packerl am Rücken durch die Welt zu gehen, sucht man sich also jemanden. Wozu? Um gemeinsam einsam zu sein? Wo ist sie denn hin, die Liebe, von der alle reden? Ein seltener Gast, wie mir scheint. Unhöflich und verschwenderisch. Sie klopft bei dir an, ohne sich vorher anzumelden und kann genau so schnell wieder verschwinden. Eben war sie noch in dir, plötzlich ist sie weg. So überraschend wie sie gekommen ist. Sie macht um die Suchenden einen großen Bogen, erfüllt manchmal jene, die nichts mehr zu finden gewagt haben und manch einem zeigt sie sich überhaupt nie.
Ist die große Liebe eines Lebens nur eine Sage? Ein Märchen, das uns einmal von unseren Eltern erzählt wurde und die sie selber vielleicht nie gelebt haben? Hat man das Recht auf mehrere große Lieben? Sollen M. und ich vorsichtshalber schon mal einen Grabstein aufstellen mit der Inschrift: Hier liegen die großen Lieben von M. und C. Sie hatten jeweils eine. Mögen sie in Frieden ruhen.
M. ist der festen Überzeugung, dass man sie nur ein Mal im Leben trifft. Ich nicht. Die große Liebe meines Lebens empfinde ich für mehrere Menschen. Meine Eltern. Meine Geschwister. Trennungsschmerz. Man kann ihn auch empfinden, wenn man eine Schwester hat, die mehr als 800 Kilometer von einem entfernt wohnt. Voller Wehmut denke ich an sie. Plötzlich und unerwartet. Wenn ich mir einen Kaffee mache und dabei an ihr einzigartiges Lachen denken muss, an ihren Humor oder daran wenn sie einem mit voller Absicht auf den Senkel geht und eine Riesenfreude hat, wenn man genervt aus dem Haus rauscht. Diese kleine Geste, wenn sie mir eine Strähne hinter das Ohr streicht, mich kurz ansieht um zu wissen, ob alles in Ordnung ist. Dann habe ich tiefen Liebeskummer.
Es ist schwer einen Menschen zu finden, der einen bedingungslos liebt. Mir war das Glück zuteil geworden, gleich mehrere zu haben.
Ja, ja wir brauchen das. Wir wollen manchmal unglücklich sein. M. und ich zumindest. Wir brauchen das Gefühl der Schwermut in uns, damit wir uns nach der Trauer erinnern, wie gut es uns eigentlich geht. Damit wir uns daran erinnern, verpassten Gelegenheiten nicht nachzuweinen, sondern sie zu ergreifen.
An diesem Abend, als wir beide nicht einschlafen konnten, stand ich auf, holte den abgegriffenen Zettel hervor auf dem wir einst Erich Kästner´s Gedicht „Kleines Solo“ geschrieben haben, weil wir so ergriffen waren von soviel Emotion, die diese Worte in unser Herz sandte und las ihm vor:
Kleines Solo
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Mußt erfahren,
daß es nicht die Liebe ist ...
Bist sogar im Kuß alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
(Erich Kästner)
Was soll man dazu noch sagen, außer: Verliebe dich! So oft du kannst! Denn was Herr Kästner oben beschrieben hat ist, meine Damen und Herren, ein sehr sehr erlesener Schmerz, den man für die Verliebtheit und die Liebe jedes Mal in Kauf nimmt.
"Ich helfe dir nicht, eine Leiche zu vergraben. Sogar ich habe so etwas wie Moral und Anstand." machte ich ihm gleich zur Begrüßung klar.
"Leichen! Genau darum geht es hier! Liebesleichen! In 32 Lebensjahren haben sich derartig viele Überbleibsel von Ex-Beziehungen hier angesammelt, die müssen alle weg."
Ach, es ging ihm also darum die Wohnung zu entrümpeln! Fraglich war nur, was davon noch übrig bleibt, wenn wir damit fertig sind. M. und ich öffneten also eine neue Flasche Wein und machten uns an die Arbeit. Fein säuberlich zerstückelten wir die leblosen Beziehungsleichenteile, steckten sie in schwarze Säcke und warfen sie weg. Nachdem alle Müllsäcke im Containerraum verstaut waren, sagte M. ganz deprimiert: "So viele Versuche und genau so oft gescheitert. Woran liegt´s? Bin ich nicht lustig genug? Nicht intelligent genug? Die haben alle mich verlassen. Ich war nie die treibende Kraft."
“Ach bitte, wenn du eines nicht tun sollst, dann dich nie, niemals an den Standards von anderen Leuten zu messen. Du würdest immer verlieren.“
„Aber ich fühle mich auf einmal so einsam.“
Einsam? Ich stand doch direkt neben ihm! Wieso fühlte er sich so einsam? Ich fühlte mich mit einem Mal total fehl am Platz, weil meine Anwesenheit ihm in seiner Trauerphase nicht genügte. Ich war an diesem Abend „nur“ die beste Freundin. Vorwurf konnte ich ihm daraus keinen machen, denn dieses Gefühl schleicht sich manchmal auch in mein Leben und mit einem Mal waren wir gemeinsam einsam. Eine bleierne Schwere lag in der Luft. Wir sahen stumm und teilnahmslos in den Fernseher, rauchten gelangweilt vor uns hin, tranken traurig in uns hinein.
Ich wusste, dass ihm zum Heulen zumute war, aber da er ähnlich gestrickt ist wie ich, behält er seine Tränen für sich, bis ihn niemand mehr sieht. Und genau in diesem Moment, wenn er ganz alleine ist, wünscht er sich, dass er doch fünf Minuten früher zu weinen begonnen hätte, als noch jemand da war, der ihn in den Arm nimmt, über den Kopf streichelt und ihm beruhigende, nette Worte sagt. Aber weder er noch ich machen unsere Trauer öffentlich. Das können wir nicht, weil wir so bemüht sind unsere eigene Verletzlichkeit so gut es geht zu kaschieren. In den seltensten Fällen, wenn die Tränen schon in den Augen stehen, kullern sie vor anderen Leuten über unsere Wangen. Dann schämen wir uns und vergraben sofort unser Gesicht.
An diesem Abend konnte M. aber nichts mehr zurück halten. „Ich will mich nicht so einsam fühlen“ quietschte er noch und dann ging die Heulerei los. Ich ließ ihn heulen, sich bemitleiden und wieder heulen. Ich war selbst unfähig irgendetwas zu sagen, weil mir selbst schon die Tränen aufstiegen. Als er sich wieder halbwegs beruhigt hatte, sagte er: „Lass mich heute bitte nicht alleine schlafen.“
Brauchen wir das von Zeit zu Zeit? Diesen aufkeimenden Weltschmerz, sich unverstanden, ungeliebt und alleine zu fühlen? Sind wir undankbare Wesen, die ihre Familie und Freunde nicht schätzen, weil unsere Liebschaften uns derart aus dem Gleichgewicht bringen können? Sind Herzen wirklich nur dazu da, um gebrochen zu werden? Ich begreif es nicht. Es gibt da diesen Moment in manchen Beziehungen, da sieht man den anderen an und stellt fest, dass irgendwas sein Gleichgewicht stört. Meistens befürchtet man, dass der Grund dafür man selbst ist.
Ich verliebe mich gerne. Ist sowas wie ein Hobby von mir. Und ohne diese Seelenpein, die einen sofort ereilt, wenn etwas vorbei ist, wäre ich wahrscheinlich nur ein halber Mensch. Wirklich. Irgendwie macht dass Spaß, wenn man in der Therapiestunde da hockt und endlich mal wieder einen Grund hat um von seinen wirklichen Problemen abzulenken. Man hat Angst, sein Leben von Grund auf total verkorkst zu haben, da liegt es nahe sich mit Liebe(skummer) zu beschäftigen. Um nicht ganz alleine mit seinem Packerl am Rücken durch die Welt zu gehen, sucht man sich also jemanden. Wozu? Um gemeinsam einsam zu sein? Wo ist sie denn hin, die Liebe, von der alle reden? Ein seltener Gast, wie mir scheint. Unhöflich und verschwenderisch. Sie klopft bei dir an, ohne sich vorher anzumelden und kann genau so schnell wieder verschwinden. Eben war sie noch in dir, plötzlich ist sie weg. So überraschend wie sie gekommen ist. Sie macht um die Suchenden einen großen Bogen, erfüllt manchmal jene, die nichts mehr zu finden gewagt haben und manch einem zeigt sie sich überhaupt nie.
Ist die große Liebe eines Lebens nur eine Sage? Ein Märchen, das uns einmal von unseren Eltern erzählt wurde und die sie selber vielleicht nie gelebt haben? Hat man das Recht auf mehrere große Lieben? Sollen M. und ich vorsichtshalber schon mal einen Grabstein aufstellen mit der Inschrift: Hier liegen die großen Lieben von M. und C. Sie hatten jeweils eine. Mögen sie in Frieden ruhen.
M. ist der festen Überzeugung, dass man sie nur ein Mal im Leben trifft. Ich nicht. Die große Liebe meines Lebens empfinde ich für mehrere Menschen. Meine Eltern. Meine Geschwister. Trennungsschmerz. Man kann ihn auch empfinden, wenn man eine Schwester hat, die mehr als 800 Kilometer von einem entfernt wohnt. Voller Wehmut denke ich an sie. Plötzlich und unerwartet. Wenn ich mir einen Kaffee mache und dabei an ihr einzigartiges Lachen denken muss, an ihren Humor oder daran wenn sie einem mit voller Absicht auf den Senkel geht und eine Riesenfreude hat, wenn man genervt aus dem Haus rauscht. Diese kleine Geste, wenn sie mir eine Strähne hinter das Ohr streicht, mich kurz ansieht um zu wissen, ob alles in Ordnung ist. Dann habe ich tiefen Liebeskummer.
Es ist schwer einen Menschen zu finden, der einen bedingungslos liebt. Mir war das Glück zuteil geworden, gleich mehrere zu haben.
Ja, ja wir brauchen das. Wir wollen manchmal unglücklich sein. M. und ich zumindest. Wir brauchen das Gefühl der Schwermut in uns, damit wir uns nach der Trauer erinnern, wie gut es uns eigentlich geht. Damit wir uns daran erinnern, verpassten Gelegenheiten nicht nachzuweinen, sondern sie zu ergreifen.
An diesem Abend, als wir beide nicht einschlafen konnten, stand ich auf, holte den abgegriffenen Zettel hervor auf dem wir einst Erich Kästner´s Gedicht „Kleines Solo“ geschrieben haben, weil wir so ergriffen waren von soviel Emotion, die diese Worte in unser Herz sandte und las ihm vor:
Kleines Solo
Einsam bist du sehr alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Träumst von Liebe. Glaubst an keine.
Kennst das Leben. Weißt Bescheid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
Wünsche gehen auf die Freite.
Glück ist ein verhexter Ort.
Kommt dir nahe. Weicht zur Seite.
Sucht vor Suchenden das Weite.
Ist nie hier. Ist immer dort.
Stehst am Fenster. Starrst auf Steine.
Sehnsucht krallt sich in dein Kleid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
Schenkst dich hin. Mit Haut und Haaren.
Magst nicht bleiben, wer du bist.
Liebe treibt die Welt zu Paaren.
Wirst getrieben. Mußt erfahren,
daß es nicht die Liebe ist ...
Bist sogar im Kuß alleine.
Aus der Wanduhr tropft die Zeit.
Gehst ans Fenster. Starrst auf Steine.
Brauchtest Liebe. Findest keine.
Träumst vom Glück. Und lebst im Leid.
Einsam bist du sehr alleine -
und am schlimmsten ist die Einsamkeit zu zweit.
(Erich Kästner)
Was soll man dazu noch sagen, außer: Verliebe dich! So oft du kannst! Denn was Herr Kästner oben beschrieben hat ist, meine Damen und Herren, ein sehr sehr erlesener Schmerz, den man für die Verliebtheit und die Liebe jedes Mal in Kauf nimmt.
mirno_more - 21. Mai, 23:42